Schieflage: Gefühlswelt
Na gut, ich gebe es zu: Ganz so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe, ist es leider nicht. Man denkt sich zwar, dass man es schafft, dass man nicht wegsehen muss, dass es einen nicht berührt und es einem egal ist, aber dann spürt man doch den kleinen Stich im Herzen, obwohl eigentlich gar nichts ist. Man sieht eine nicht allzu schlimme Situation, aber die Gefühle machen eben doch etwas völlig anderes daraus. Die Reaktion ist für mich klar. Ich nehme meine Jacke, verabschiede mich und laufe nach Hause.
Aber es hat sich zum letzten Mal trotzdem etwas verändert. Während beim ersten Mal die Freundschaft über meinen Gefühlen stand und die Angst diese zu zerstören größer war als die Angst mich zu verletzen, ist es dieses Mal genau anders herum. Ich will also kein schlechtes Gewissen haben, weil ich gegangen bin und es ist mir furchtbar egal, was das für einen Eindruck hinterlässt oder welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Es ist wie es ist. Wenn ich etwas nicht mag, schau ich weg und gehe notfalls. Optimismus ist angesagt, und der ist auch begründet.
Gute Nacht.
Schieflage: Distanzierung
Der Plan war simpel. Es ist Schluss, also benötigt man etwas Abstand, damit da der nötige Break reinkommt, damit man normal miteinander umgehen kann, die Eifersucht wegfällt, die Gefühle sich abbauen, sich das Verhältnis normalisiert usw. usf. Man kennt ja die vernünftigen Maßnahmen, die ergriffen werden sollten in solch schwieriger Situation.
Die Realität sah anders aus. Sie war sehr krank und natürlich war keiner ihrer Freunde dazu in der Lage, sich Zeit für sie zu nehmen. Was macht man da als gutherziger Trottel, der sich selbst die Pflicht des Freundes aufbürdet (aber das wenigstens gerne macht)? Richtig, man schmeißt seinen Plan über Bord und pflegt sie gesund. Da sie sich sehr einsam fühlt, wenn sie krank ist, bleibt man also auch über Nacht, kümmert sich um sie, schlägt sich die Nächte um die Ohren kann aber am Ende sagen, dass man vier sehr schöne Tage verbracht hat. Diese Freundschaft – oder nennen wir sie einfach zwischenmenschliche Beziehung – ist wirklich krank. Sie ist definitiv etwas Besonderes, aber mit „normal“ hat das nicht mal im Ansatz was zu tun.
Schieflage: „Lass uns Freunde bleiben“
Diesen Satz kennen sehr viele. Der ist bei uns glücklicherweise nicht gefallen. Das rührt daher, dass wir uns von vorne herein darauf geeinigt haben, dass unsere Freundschaft über der Beziehung steht.
In den meisten Fällen dürfte das wohl kaum funktionieren. Es waren nun mal Gefühle im Spiel und das macht so eine Geschichte immer unheimlich schwierig. Zu den „normalen“ Gefühlen kommen dann noch Spielchen wie Eifersucht, verletzter Stolz oder Depressionen und dann ist es gelaufen. Bei uns scheint es allerdings so zu sein, dass wir uns wirklich gegenseitig nicht verlieren wollen und daher die Kraft aufzubringen scheinen, die Freundschaft aufrecht erhalten zu können. Natürlich ist das für mich im Endeffekt schwieriger als für sie, denn ich wollte immer mehr als sie.
Beweis genug ist zunächst jedenfalls, dass sie seit zwei Tagen sehr krank zu Hause im Bett liegt und ich mich um sie gesorgt habe. Ich habe sogar – und jetzt kommt der Klops – bei ihr geschlafen (einmal jedoch unfreiwillig, da bin ich einfach eingepennt). Gefühle sind hier und da mal kurz hochgeschwappt, aber ich liege jetzt nicht mit todtrauriger Miene in meinem Bett, sondern versuche das Ganze zu meistern und kein Trübsal zu blasen. Man bemüht sich eben um Normalität und wenn es nicht geht, dann muss man selbstverständlich das Gespräch suchen und sich etwas distanzieren. So weit bin ich allerdings noch nicht, dass ich das Verlangen verspüre Abstand gewinnen zu müssen.
Richtig hart wird es wohl erst in den nächsten Wochen, wenn es darum geht getrennt auf Partys zu gehen und solche Scherze, aber auch das bekomme ich irgendwie gemeistert. Immerhin habe ich ja auch meine eigenen Freunde, die für mich da sind.
Schiefe Beziehung
Dass der Tag gestern seltsam werden würde, hatte ich mir nach dem Morgen schon gedacht (ich berichtet im vorherigen Eintrag von mir). Die Bestätigung dafür sollte nicht lange auf sich warten lassen.
Gegen halb vier bekam ich eine SMS, ich solle nach der Arbeit doch bitte zu ihr kommen. Sie war den ganzen Tag schon sehr seltsam drauf und ich hatte mir im Geschäft überlegt, was ich zu ihr sagen würde, sollte sie heute die Beziehung beenden wollen. Tja, diese SMS war das Signal dafür, dass ich meine Überlegungen in die Tat umsetzen könnte. Ich hatte die ganze Zugfahrt Zeit, um mir meine Gedanken zu machen und mich etwas zu beruhigen. Ich wollte keinesfalls einen Streit anfangen oder ihr irgendwelche Vorwürfe machen. Das ist nicht meine Art und in so einem Gespräch ist es auch nicht zielführend.
Bei ihr angekommen ging es auch gleich los. Meine Sachen waren schon von ihr eingepackt worden und das Gespräch konnte ohne Verzögerung sofort beginnen. Die Quintessenz ist folgende: Sie fühlt sich in einer Beziehung eingeengt und eingesperrt, obwohl ich sie praktisch überhaupt nicht einenge. Ich mache sie glücklich, damit kann sie allerdings nicht umgehen, weil sie mit dem Gefühl Glück nicht umgehen kann. Sie möchte die ganze Zeit wegrennen, obwohl sie genau weiß, ich wäre der richtige und der beste Mann für sie. Es würde nicht gehen und sie möchte nicht riskieren die Freundschaft mit mir zu zerstören.
Abgesehen davon, dass diese Freundschaft ohnehin schon einiges erleiden musste, gab es dem nicht viel hinzuzufügen. Eine Sache kritisierte ich allerdings. Letzten Freitag hatte ich mich von ihr trennen wollen und da hatte sie mich nicht gehen lassen. Es war bis dato so eine „locker-feste“ Geschichte, die ich nicht länger akzeptieren wollte. Ich wollte eine richtige Beziehung, oder eben gar nichts – außer Freundschaft selbstverständlich. Sie hatte sich für die Beziehung entschieden, die sich ein paar Tage später beendete. Das ist meine einzige Kritik, denn letzten Freitag war der perfekte Zeitpunkt gewesen die Sache möglichst schmerzfrei und sauber über die Bühne zu bekommen. Da hatte ich den Absprung geschafft, der Impuls kam von mir und ich hatte ohne weiteres die Kraft eine Trennung zu verschmerzen. Jetzt – nur ein paar Tage später – muss ich diese Kraft ohne diesen Impuls aus mir herauskitzeln. Das wird mit Sicherheit sehr anstrengend. Im Moment geht es mir gut, aber sobald ihre Männergeschichten anfangen, wird es nochmal sehr schwierig werden.
Irgendwas ist da ganz gewaltig schief gegangen. Wir hätten diesen mittlerweile schon zweiten Anlauf niemals wagen sollen. Gott behüte uns vor einem Dritten.
Schiefer Morgen
Normalerweise sieht mein Aufstehritual unter der Woche so aus: Der Wecker klingelt und ich stelle ihn eine viertel Stunde später. Der Wecker klingelt wieder, ich weiß, dass ich jetzt aufstehen sollte, aber ich stelle ihn zehn Minuten später. Der Wecker klingelt ein drittes Mal und ich bekomme Panik. Ich stehe also hektisch auf, ziehe mich an und renne ins Bad, um die morgendliche Hygiene aufzufrischen. Je nach dem, ob ich daheim schlafe oder nicht bin ich entweder extrem laut und fluche oder ich versuche das Ganze etwas leiser anzugehen, um den Drachen nicht zu wecken und meinen Tag mit einer ordentlichen Standpauke zu beginnen. In diesem Fall ähneln meine Bewegungen auch eher dem „schleichenden Rennen“, was mir schon den einen oder anderen Wadenkrampf beschert hat. Nach einem kurzen Check, ob ich alle für den Arbeitstag nötigen Utensilien bei mir habe gibt es den obligatorischen Abschiedskuss – einen schlafenden Drachen zu küssen in der Hoffnung ihn nicht zu wecken, ist wirklich spannend! – und dann den Spurt zum Bahnhof. Für alle Schlaumaier dort draußen: Nein, ich kann den Kuss nicht weglassen und damit das Risiko sie zu wecken minimieren. Lasse ich diesen Kuss nämlich weg, bekomme ich eine SMS oder ähnliches, in dem genau dies moniert wird. Es bleibt also auch weiterhin spannend, zumindest zunächst.
Der heutige Morgen sah hingegen ganz anders aus. Mein Wecker klingelte erst gar nicht, denn sie ist vor mir aufgewacht. Sie stand auf, ging ins Bad und kam kurze Zeit später wieder in das Zimmer zurück. Erwartet hatte ich, dass sie sich wieder ins Bett legt und ich die letzten 20 weckerfreien Minuten noch mal schlummern kann. Stattdessen ging sie ans Fenster, öffnete es, machte den Rollladen hoch und setzte sich auf die dort stehende Couch, um eine zu rauchen. Ich richtete mich auf. Etwas war anders… alles war anders. Dieser ganze Morgen lief nicht so ab, wie jeder Morgen bisher ablief. Ich fragte sie, ob alles in Ordnung sei und sie antwortete mir erwartungsgemäß, dass sie schlecht geschlafen habe und auch ganz komisch aufgewacht sei.
Es ist schon ein verdammt seltsames Gefühl, wenn auf einmal gewohnte Dinge ohne eigenen Einfluss komplett anders ablaufen. Vielleicht kann das hier keiner nachvollziehen, aber eine Stunde lang wach zu sein, bevor ich fluchtartig das Haus verlasse, mich mit ihr etwas zu unterhalten, ein wenig Zuwendung zu bekommen und schlussendlich ganz entspannt und ohne Zeitdruck alle Vorbereitungen treffen zu können und das auch noch ohne übermäßig auf den Lärmpegel achten zu können, hat mich wirklich aus dem Gleichgewicht gebracht. Und mir gezeigt: Es werden immer wieder Dinge passieren, die alles ändern werden und man selbst nichts dagegen tun kann.
Schieflage
Warum gerade dieser Name? Vielleicht kennt ja der Ein oder Andere dieses Gefühl, etwas vorgeworfen zu bekommen, was im Vergleich zum Rest der Menschheit bei einem selbst übermäßig negativ bewertet wird. Oder das Gefühl, dass alles aus den Fugen läuft, eben „schief“ geht. Sich für etwas rechtfertigen zu müssen, was bei allen anderen normal ist, übermäßig kritisiert zu werden oder sich doppelt anstrengen zu müssen, damit man überhaupt bemerkt wird. Ja, ich bin mir sicher, es gibt eine Menge Leute, die wissen, wovon ich rede. Genau darum wirds hier gehen. Anonym, ohne Namen und mit jeder Menge ups and downs.
Willkommen in meiner Schieflage